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Kiesler-Kreis: Gespräche verlaufen nach unbewussten Regeln

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug und wer sich dessen bewusst ist, kann dies in der Kommunikation mit anderen für sich nutzen. Liegt auf der Hand.

Was aber nur wenigen klar ist, Gespräche unterliegen in ihren Verläufen einer gewissen Grundregel, die besagt, dass zwei miteinander interagierende Personen ihr Verhalten gegenseitig beeinflussen. Das heißt: Ein bestimmtes Auftreten ruft bei anderen Personen spezifische Reaktionen hervor bzw. fordern sie durchaus auch heraus. Was man auch als Wie man in den Wald herausruft, so schallt es auch heraus kennt.

Doch dieser Spruch kann auch missgedeutet werden. Nicht bei jedem In den Wald hineinrufen, kommt die gleiche Art von Echo zurück. Und doch sind diese Echos in einem Gesprächsverlauf durchaus vorherzubestimmen, aber eben nicht 1 zu 1.

Der Kiesler-Kreis oben zeigt auf, wie man Gesprächsverläufe bis zu einem gewissen Grad so beeinflussen kann, dass man in den meisten Situationen einfacher zu seinem Ziel kommt bzw. überhaupt zu seinem Ziel kommt.

Dieses nach seinem Schöpfer, dem US-amerikanischen Psychologe und Psychotherapieforscher Donald J. Kiesler benanntes Kreismodell, zeigt auf seinen Hauptachsen zwei Paare von Grundverhaltensweisen in sozialen Situationen: Feindlich <-> Freundlich und Dominat <-> Unterwürfig. Wobei diese Deklarationen meiner Ansicht nach durchaus etwas missverständlich sein können; vor allem das Paar Dominat <-> Unterwürfig. Darum kann man es auch alternativ als Offen <-> Verschlossen bezeichnen. Und auch Feindlich <-> Freundlich lässt sich übersetzen in: Distanz <-> Nähe.

Doch die Realität ist selten so schwarz-weiß. Darum sieht das Modell im Kreisverlauf auch noch Zwischenpunkte vor: Feindlich-dominat, Freundlich-dominat, Freundlich-unterwürfig und Feindlich-unterwürfig. Sie machen die Einordnung des eigenen Verhaltens, und das des Gegenübers, deutlich realistischer. Die Kiesler-Kreis-Grafik benennt auch noch jeweilige Ausprägungen der acht Verhaltensmuster, die das Verständnis für das Modell meiner Ansicht nach noch mal deutlich verbessern.

Das Prinzip des Kiesler-Kreises ist simpel: Nimmt man selbst in einem Gespräch konsequent ein bestimmtes Verhaltensmuster an, so wird sich das des Gesprächspartners kurz- oder mittelfristig in Richtung des entsprechenden Musters entwickeln. In der Grafik oben zeigen die Pfeile im Kiesler-Kreis, welche Verhaltensmuster miteinander korrespondieren. So führt zum Beispiel eigenes unterwürfiges Verhalten mit der Zeit zu einem dominanten des Gegenübers und umgekehrt. Weiter führt freundlich-dominates Verhalten zu freundlich-unterwürfigem sowie feindlich-unterwürfiges zu feindlich-dominantem. Verhält man sich freundlich oder eben feindlich, so wird der Gegenüber spätestens nach einer Weile das gleiche Verhaltensmuster an den Tag legen.

Kurz zusammengefasst, zeigt Kiesler also mit seinem Modell auf, wie wir durch unser Auftreten und unsere Verhaltensweisen bestimmte Gesprächsverläufe begünstigen – positiv und negativ. Meist schlüpfen wir unterbewusst in die einzelnen Verhaltensweisen bzw. bekommen von unserem Gegenüber ein bestimmtes Auftreten regelrecht aufgenötigt.

Das hört sich jetzt vielleicht schlimmer an, als es in der Regel ist. Vor allem auch, weil es einem niemand verbietet, sich diese Erkenntnis zu eigen zu machen. Besonders interessant finde ich dabei das von Kiesler so genannte freundlich-dominate Verhalten.

Tritt man in einem Gespräch freundlich-dominat auf, so erreicht man seine Ziele in aller Regel deutlich reibungsloser, und vor allem ohne beim Gegenüber einen fahlen Beigeschmack zu hinterlassen. Zum Glück beschreibt Kiesler in seinem Modell auch, wie man sich freundlich-dominat verhält: spontan, menschlich, Führung übernehmend, persönliche Gefühle zeigend, extrovertiert, nett, selbstbewusst, offen, angenehm.

Am besten verinnerlicht man sich dies durch: Üben, üben, üben. Dazu ist es vorteilhaft, sich die ganzen Eigenschaften zunächst einprägen. Hierzu habe ich mir einen Merksatz ausgedacht:

So meistern furchtsame Menschen eine neue Situation ohne Angst.

Probiert es einfach aus. Aber nicht vergessen, dies gilt für Gespräche, bei denen Argumente ausgetauscht werden, und nicht für das kurze in Kenntnis setzen der eigenen Meinungen. Wie schon gesagt, auch hier gilt: Übung macht den Meister bzw. die Meisterin.

PS: Die Grafik vom Kiesler-Kreis gibt es hier zum Download.

Kategorie(n):ErlebtesSozialphobie

4 Kommentare

  1. Das Ding ist ja, dass es uns gleich klar und einleuchtend ist, was der Kiesler da aufgebaut hat. Irgendwie haben wir es ja auch schon gewusst. Aber eben nicht bewusst. Danke dafür.

    Lächeln, Fabian.

    • Zellmi Zellmi

      Da hast du recht 😉

  2. Vitali Vitali

    Vielen Dank für den Artikel.

    Was ich mich frage: woher kommt die Information in dem Artikel?
    Den einzigen Artikel weist Wikipedia auf und das nur in Deutscher Sprache auf.

    Über die Herkunft der Information wäre ich sehr dankbar.

    • Zellmi Zellmi

      Mir wurde dies von meinem Psychologen während meines Klinikaufenthalt im Jahr 2013 so erklärt. Ich hatte das so ähnlich schon mal auf einem anderen Blog beschrieben und da der vor einiger Zeit eingestellt und aus dem Netz genommen wurde, hab ich das zur Rettung mit ein paar kleinen, stilistisch Anpassungen nochmal hier veröffentlicht.

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