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Eigentlich müssen wir uns nur entscheiden

Zweierlei ist in den letzten Wochen geschehen, was mich nachhaltig beeindruckt hat: Ich habe auf der re:publica in Berlin einem Vortrag von Gunter Dueck beigewohnt und ich habe das Buch Haben oder Sein von Erich Fromm gelesen. Beide haben sich u.a. über etwas ausgelassen, das im Großen und Ganzen sehr diskutabel, und zudem extrem heterogen ist: unser Bild von den Menschen.

Aktuell ist unsere Gesellschaft sehr darauf ausgerichtet, dass die Menschen fleißige Leistungsträger sein sollen. Ob sie wollen oder nicht. Und dass sie wollen, ist eigentlich auch nicht vorgesehen. Denn die Menschen sind von Natur aus bequem … wenn nicht gar faul. Das ist dann auch etwas, was sich z.B. alle Befürworter-/innen eines bedingungslosen Grundeinkommens immer wieder anhören müssen: „Wenn die Leute nicht mehr für ihr Einkommen arbeiten müssen, dann arbeiten sie gar nichts.“

Menschen wie Götz Werner versuchen diese Sichtweise fast schon gebetsmühlenartig zu entkräften. Dies ist eine Art mit dieser Kritik an den Menschen umzugehen, die denen sehr in die Karten spielt, die die tiefe Verwurzelung dieses „negativen“ Menschenbildes in allen Bereichen unserer Gesellschaft aufrecht erhalten wollen. Denn dieser „philosophische“ Wettstreit, ob der Mensch vom Grunde her faul oder ob er eher engagiert ist, kann im Prinzip unendlich weitergeführt werden. Nur dass in dieser Zeit unsere Gesellschaft mit den Auswirkungen der Vorherrschaft des „faulen“ Menschenbildes weiterleben muss.

Doch Gunter Dueck sagt im Grunde, dass weder die einen, noch die anderen Recht haben. Und damit kann auch keine Gruppe schlussendlich Recht behalten. Darum schlägt er vor, dass wir uns als Gesellschaft doch einfach dafür entscheiden sollen, das vorherrschende Menschenbild zu wechseln. Wir sollten grundsätzlich erst einmal davon ausgehen, dass die Menschen engagiert sind und dann unsere Gesellschaft und ihre Strukturen danach ausrichten.

Ich persönlich würde das gerne so machen. Denn ich glaube, dass eine solche Richtungsentscheidung, also eine kollektive Willensentscheidung, die Basis für eine Gesellschaft ist, die humaner und gerechter miteinander umgeht, die unsere Umwelt mehr Wert schätzt und somit überhaupt erst die Chance hat, im Einklang mit ihr zu leben.

Enorm verblüfft hat mich übrigens, dass Fromm in seinem 1976 erschienenen Buch Haben oder Sein grundsätzlich das Gleiche fordert. Auch wenn er einen etwas andere Ansatz beschreibt. Er spricht von der aktuell vorherrschenden Existenzweise des Habens, die überhaupt erst zur aktuellen Situation in der Welt geführt hat und die im Wesentlichen von der des Seins abgelöst werden muss, um es auch zukünftigen Generationen möglich zu machen, auf diesem Planeten leben zu können.

Im Wikipedia-Artikel zu Haben oder Sein sind die Maßnahmen zusammengefasst, die Fromm als grundlegend für eine Existenzweise des Sein identifiziert hatte:

  1. die Produktion hat der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen
  2. das Ausbeutungsverhältnis der Natur durch den Menschen ist durch ein Kooperationsverhältnis zwischen Mensch und Natur zu ersetzen
  3. der wechselseitige Antagonismus zwischen den Menschen ist durch Solidarität zu ersetzen
  4. oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements sind das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids
  5. maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) zu ersetzen
  6. der einzelne Mensch ist zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu motivieren

Dem ist an dieser Stelle nichts mehr hinzuzufügen … außer, dass ich nur allen empfehlen kann Haben oder Sein zu lesen.

Kategorie(n):Gesellschaft

2 Kommentare

  1. Siegfried Bogdanski

    „Eigentlich müssen wir uns nur entscheiden“. Genau dafür gibt Götz Werner die praxisgerechteren Denkanstöße. Gunter Dueck glänzt zwar durch spitzfindige Analysen zu (seinem) Menschenbild (durch deren Lektüre ich mich eineinhalb Bücher lang gequält habe, weil ich noch irgendetwas der Praxis dienliches erwartet hatte). Erich Fromm kenne ich nur aus dem Wikipedia-Artikel, kann aber aus seinen sechs Imperativen (die wohl die Essenz seines Lebenswerks sind) keinen Vorschlag erkennen, wie die zu realisieren sind.

    Im Übrigen beteuert Götz Werner nicht einfach, dass die Menschen bei gesicherter Existenzgrundlage sich schon nicht auf die faule Haut legen. Vielmehr weist er an zahlreichen Beispielen nach, dass viele Menschen Arbeiten erledigen, für die sie nicht bezahlt werden (was sie sich erlauben können, weil anderweitig für ihr Einkommen gesorgt ist) oder auch gegen Entgelt arbeiten, obwohl für ihr existenziell notwendiges Einkommen gesorgt ist. Umgekehrt werden Menschen, die soziale Transferleistungen erhalten, durch die Bedingungen, an diese Transferleistungen geknüpft sind, daran gehindert, Arbeit gegen Entgelt aufzunehmen.

    Ein Beispiel: Ich werde demnächst 62 Jahre alt und könnte in Vorruhestand gehn. Ich würde eine Sozialrente bekommen, die trotz der üblicherweise einbehaltenen Abschläge knapp über den von Götz Werner als Betrag für das bedingungslose Grundeinkommen ins Gespräch gebrachten 1000 € liegt. So weit so gut, ich könnte mich auf die faule Haut legen. Das will ich aber gar nicht: Ich würde gegen Entgelt weiter arbeiten wollen, nicht in meinem bisherigen Job und nicht im gleichen Umfang. Das kann ich aber nicht, weil die Vorruhestandsrente nicht bedingungslos gezahlt wird, sondern an die Bedingung geknüpft ist, dass ich keiner Arbeit gegen Entgelt nachgehe.

    Ich empfehle als Lektüre das Buch von Götz Werner und Adrienne Goehler:
    „1000 € für jeden – Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen.“
    http://txt.io/t-1yfag

  2. Es geht nicht darum, zu behaupten, die Menschen würden schon alle arbeiten. Der Punkt ist: es macht nichts, wenn einige nichts tun. Niemand wird ja wirklich glauben, dass überhaupt niemand mehr arbeitet, wenn er ein Grundeinkommen hat. Wir können alles im Überfluss produzieren, auch wenn nur ein Teil der Bevölkerung arbeitet. Das Problem ist, dass die Leute denken, selbst wenn es funktionieren würde, wäre es trotzdem ungerecht, weil Nicht-Arbeitende auf Kosten der Arbeitenden leben würden. Das ist der entscheidende Denkirrtum, denn Arbeit ist bei weitem nicht die Quelle allen Reichtums.

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