Der Kaiser muss endlich zugeben, dass er nackt ist

Neulich sagte jemand sinngemäß zu mir: „Und irgendwer muss sich hinstellen und sagen, dass der Kaiser nackt ist.“ Recht hatte er! Nur dass das meist nicht ausreicht. Denn wie ich kürzlich aus dem wirklich, wirklich lesenswerten Manuskript einer Rede von Ingo Schulze erfahren durfte, ist es gar nicht die Schlusspointe des Märchens Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen, dass das Kind die nackte Wahrheit über die Selbsttäuschung des Kaisers und seines Hofstaats aussprach … und damit offenbarte. Nein, das Ende lautet:

„Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ‚Nun muss ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

So wichtig es also ist, das Offenkundige auch offen und frei auszusprechen, so sehr muss mensch sich anschließend auch darum bemühen, dass den Betroffenen (Entscheidern, Mächtigen,…) auch ein öffentliches Bekenntnis dazu abgerungen wird. Doch scheint mir das, bei den bis ins Mark hinein verinnerlichten rhetorischen Fähigkeiten und den Vernebelungsautomatismen des wirtschaftlichen und politischen Establishments, die viel größere Barriere für viele durchaus berechtigte Anliegen zu sein.

So sehr es auch weithin bekannt war, dass kein Kernkraftwerk gegen einen Super-GAU gefeit ist, konnten bzw. können die nackten Kaiser dieser Welt immer noch denken: ‚Nun muss ich aushalten‘. Auch wenn es klar ist, dass etwa der Peak Oil erreicht, der Klimawandel da und mit Kriegen kein Problem zu lösen ist (im Gegenteil), ebenso sehr verharren die nackten Kaiser bei dem Gedanken ‚Nun muss ich aushalten‘.

Und das ist die Herausforderung die vor uns liegt: Wir müssen die Mächtigen dieser Welt dazu bringen, dass sie zugeben, dass sie nackt sind … im übertragen Sinn.

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