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Ein halbes Jahr. Schon? Erst? Beides…

Auf den Tag genau vor einem halben Jahr, hat mich Natali in der Psychiatrie abgeliefert. Wo ich dann die nächsten gut 9½ Wochen an meiner Angststörung arbeitete.

Ein halbes Jahr. Schon? Erst? Beides…

Inzwischen ist so unglaublich viel passiert. Die stationäre Therapie. Die Diagnose „Sozial-Phobie“. Mein Ausstieg aus der Kommune. Mein Umzug nach Stuttgart. Der Beginn der ambulanten Therapie und so vieles mehr.

Wenn ich an das letzte halbe Jahr zurückdenke, stürzen unzählige Erinnerungen auf mich ein. Und wie sich das für einen anständigen Phobiker gehört, wird mir dabei erst einmal ordentlich mulmig ums Herz. Angst und Bange, sozusagen.

Aus der Kommune auszusteigen und nach Stuttgart zu ziehen, war eine gut, eine richtige Entscheidung. In einer Großstadt bin ich nicht nur beruflich besser aufgehoben, sondern kann mich meinen Ängsten viel häufiger stellen. So habe ich vor gut eineinhalb Wochen auf dem Stuttgarter Barcamp sogar eine Session über Angst angeboten. Zu meiner Überraschung kamen mehr als 30 Menschen und so konnte ich ihnen nicht nur einiges über Ängste erzählen, sondern auch gleich eine der heftigsten sozialen Situationen bestehen. Was ich wohl auch ganz gut hin bekommen habe:

So langsam tut sich auch im Bereich der Erwerbsarbeit einiges. Ich schwinge mich immer mehr ein und die Gespräche, die ich diesbezüglich führe, werden immer konkreter. Doch liegt genau hier auch noch eines meiner Hauptprobleme: Ich glaube mir selbst nicht, dass ich etwas kann, jemand bin. Kürzlich wurde ich auf das entsprechende Syndrom aufmerksam gemacht. Es nennt sich Impostor-Phänomen oder Hochstapler-Syndrom. Menschen, die davon betroffen sind, glauben nicht, dass ihre Erfolge, ihre Leistungen auf die eigenen Fähigkeiten zurückgehen. Stattdessen sind sie davon überzeugt, dass sie die gute Beurteilung ihrer Leistung nur ihrem Charme, Beziehungen oder einfach einem glücklichen Zufall zu verdanken haben.

Als ich auf Alltagsforschung.de den Artikel Das Impostor-Syndrom – Warum sich manche keinen Erfolg gönnen gelesen hatte, war ich wie vom Schlag gerührt. Ich kam beim Lesen aus dem innerlichen Nicken fast gar nicht mehr heraus. Irgendwie hat mir das erst einmal Angst gemacht. Inzwischen erkenne ich jedoch, dass es … mal wieder … etwas ist, was ich nun klarer habe, so dass ich dadurch besser an mir arbeiten kann.

Zu diesem „An meiner Phobie arbeiten“, gehört auch der offene Umgang mit meiner Angststörung. Es ist jetzt nicht so, dass ich es jedem überall auf die Nase binde. Aber ich stehe dazu, rede möglichst offen darüber … wenn es angebracht ist. Ich drücke das Thema nicht weg. Dies ist etwas, was wohl alles andere als üblich ist. Ich freue mich, dass ich meinen offenen Umgang mit meinen Problemen, bis heute nicht habe bereuen müssen. Nicht eine Sekunde! Im Gegenteil: Ich bekomme sehr viele, sehr liebenswerte Rückmeldungen. Auf allen „Kanälen“: In persönlichen Gesprächen, als Kommentare auf meine Blogposts, per Mail und über andere digitale Kommunikationskanäle.

Dabei hat mich wirklich sehr überrascht, wie viele Menschen in meinem Umfeld und Bekanntenkreis von ähnlichen Störungen betroffen sind. Es haben sich mir Menschen offenbart, bei denen ich nie und nimmer auf die Idee gekommen wäre, dass sie ein ernstzunehmendes psychisches Problem haben. Und immer wieder habe ich gemerkt, wie gut es vielen tut, einfach mal mit jemanden offen über die eigenen Problem sprechen zu können, der sie aus der eigenen Erfahrung heraus versteht.

Dabei fällt mir ein: Eine Sozial-Phobie-Selbsthilfegruppe besuche ich übrigens auch. Dort und im Austausch mit ehemaligen Mitpatienten aus der Klinik, wird mir immer besonders stark vor Augen geführt, welch großen Fortschritte ich inzwischen schon gemacht habe. Das muss ich mir immer wieder erst bewusst machen.

Alles in allem bin ich fast schon dankbar, dass es mich so heftig aus der Bahn geworfen hat. Nun hat der Dämon, der sich immer wieder im meinem Leben herumgeschlichen hat, nicht nur einen Namen und eine Kontur, ich habe mich ihm auch gestellt. Er weiß immer noch, wie er mich ab und an auf dem falschen Fuß erwischen kann und hat auch weiterhin ein paar heftige Tricks auf Lager … ich inzwischen aber auch.

Was mich allerdings weiterhin einigermaßen ratlos macht: Irgendwie kann ich keine rechte Vorfreude empfinden. In der Zukunft herrschen immer noch die Katastrophen-Gedanken vor. Auch Ziele … also solche, die man sich steckt … sind für mich etwas absolut Unwirkliches. Und da ich im Gegenzug, kürzlich Vergangenes emotional gut loslassen kann, lässt sich auf mein Leben der unsägliche Sinnspruch „Carpe Diem“ recht gut anwenden … auf eine verquere Art und Weise.

Um an dieser Stelle ein kurzes Fazit zu ziehen: Es geht mir gut. Ja. Es geht mir gut. Es liegt zwar weiterhin ein durchaus steiniger Weg vor mir, der mir allerdings nun wirklich keine Angst mehr macht!

Kategorie(n):ErlebtesSozialphobie

Ein Kommentar

  1. Anne-Marie Peters-Tipton Anne-Marie Peters-Tipton

    Lieber mathias, sehr guter Artikel, freut mich das es dir gutgeht da unten in Stuttgart; mir waere es wahrscheinlich zu voll all die menschen & evtl die anonymitat(oh falsch geschrieben) Gruesse an Natalie & alles,alles Gute

Kommentare sind geschlossen.