Unser aller Welt – Beobachtungen, Schluss-Folgerungen und … vor allem: Fragen

Es läuft nicht rund in dieser Welt. So nehme ich das zumindest wahr. Zu den vielen allgegenwärtigen Missverhältnissen, gehören die global anzutreffende Ausbeutung von Mensch und Natur, sowie die Krise der Erwerbsarbeit. Denn bekanntlich haben viele Menschen keine Erwerbsarbeitsstelle oder lediglich solche, die ihnen nur ein karges Auskommen beschert. Und von seine Erfüllung im Beruf finden, will ich erst gar nicht sprechen. Auch nehme ich wahr, dass viele wichtige Arbeiten geringgeschätzt, und darum lausig oder gar nicht vergütet werden. Pflege, Erziehung, Kulturarbeit, Erhalt der Infrastrukturen, usw.
Dabei ist unsere Produktionseffizienz auf ein ungeahntes Maß angestiegen. Wir produzieren so viel, dass wir sehr viele Menschen damit beschäftigen müssen, die konkurrierenden Angebote an die Konsumenten und Konsumentinnen zu bringen. Ob diese wollen oder (eigentlich) nicht. Ist doch auch eigentlich alles ganz logisch: Denn wir haben ein Gesellschaftssystem, das auf stetigem Wachstum aufgebaut ist. Nur ist stetiges Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich. Eine Tatsache, die vor einigen Jahrzehnten noch ferne Zukunftsmusik zu sein schien, jetzt aber von eine immer größere Relevanz bekommt.

Zugleich gewinnt die digital vernetzte Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Eine Gesellschaft, in der viel produziert, aber relativ wenig direkter Umsatz gemacht wird. Doch Umsatz ist die Grundlage von Gewinn, und Gewinn von Wachstum. Heißt das, dass eine digital vernetzte Gesellschaft wachstums- und damit systemfeindlich ist? Wenn man sich die neusten Entwicklungen rund um die Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Gesetzesentwürfe und Handelsabkommen wie ACTA/SOPA/PIPA so anschaut, dann scheint an dieser These durchaus etwas dran zu sein.

Formt mensch den neoliberalen Leitspruch „Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt“ so um, dass er lautet: Wenn alle für alle sorgen, ist für alle gesorgt, dann ist das Endergebnis das Gleiche; aber das zwischenmenschliche Miteinander ein anderes. Kooperation statt Konkurrenz. Natürlich ist Wikipedia schlecht für die Umsätze des Duden-Verlags. Aber gut für alle Menschen. Wenn also alle dafür sorgen, dass das Wissen der Welt allen zur freien Verfügung steht, dann ist für alle gesorgt. Natürlich kann heute nicht mehr Verona Pooth, ehem. Feldbusch, wie selbstverständlich davon ausgehen, dass wenn sie eine Platte aufnimmt, dass sie dadurch ihren Reichtum mehren kann. Talentierte Leute können via Youtube bekannt werden, aber nicht mehr wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie mit einem Hit für ihr Leben ausgesorgt haben. Von Musik leben, ist in der Breite wieder erstaunlich arbeitsintensiv geworden. Da muss ein Künstler, eine Künstlerin, schon auch auf ihr so genanntes geistiges Eigentum acht geben … lassen. Nicht mal unbedingt weil es künstlerisch gestohlen werden könnte, sondern weil andere, auf Basis der eigenen künstlerischen Arbeit, sich was vom Kuchen abschneiden … könnten. Wäre es nicht toll, wenn Künstler und Künstlerinnen, sowie Kulturschaffende im Allgemeinen, sich per se frei von solch einem Konkurrenzdenken machen könnten? Wenn grundsätzlich für ihr Auskommen auf eine Art und Weise gesorgt wäre, dass sie nicht nur genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und genügend Kleidung hätten, sondern auch am gesellschaftlichen Alltag teilhaben könnten? Wäre das nicht gar für alle Menschen erstrebenswert?

Jedoch baut unser gesellschaftliches Zusammenleben auf Konkurrenz auf. Es ist die Konkurrenz um etwas, das eigentlich im Überfluss da, aber schlichtweg ungleichmäßig verteilt ist. Die Occupy-Bewegung spricht immer von 99 Prozent … von „99 Prozent der Bevölkerung, die nicht länger die Gier und Korruption von 1 Prozent der Bevölkerung hinnehmen wird„.

Doch sind es nicht nur die Gierigen dieser Welt, die unser ungerechtes System aufrecht erhalten? Nein. Es sind auch alle die, die daran mitarbeiten, dass Produkte nicht robust und nach den Kriterien der Nachhaltigkeit produziert werden, sondern einen eingebautes Verfallsdatum haben. Es sind auch die Menschen, die stetig daran arbeiten, dass wir irgendwelchen Moden hinterher rennen und Produkte, die ihre angedachte Funktion noch zuverlässig erfüllen, unbedingt durch neuere, schickere ersetzen müssen. Es sind aber vor allem die Menschen, die die Politik und die öffentliche Meinung dahingehend manipulieren, dass für ihrer Auftraggeber ein Vorteil entsteht; ohne dabei die Folgen für das Gemeinwohl im Auge zu haben.

Ich habe beobachtet, dass die Begriffe Wachstum und Fortschritt gerne mal synonym verwendet werden. Ein schlimmer Denkfehler. Für mich wäre es ein echter Fortschritt, wenn Autos länger halten und keine Emissionen in die Umwelt abgeben würden; und es generell weniger davon gäbe. Es wäre ein echter Fortschritt, wenn jedes Haus mit dafür geeigneten Dachflächen die Energie der Sonne zur Strom- und Wärmegewinnung nutzen würde. Es wäre ein echter Fortschritt, wenn alle Menschen vornehmlich Lebensmittel aus ihrer Region in echter Bio-Qualität konsumieren würden. Es wäre ein echter Fortschritt, wenn unsere Kleidung lange hält und nicht am anderen Ende der Welt von Quasi-Skalven hergestellt würde. Und nicht zuletzt wäre es ein echter Fortschritt, wenn bisher schlecht oder unbezahlte Arbeit honoriert würde und mensch sich nicht mehr verschulden muss, „um ein Leben zu leben, das mehr ist als bloßes Überleben.“

Das letzte Zitat stammt von David Graeber und ist aus seinem Buch Debt. Darin geht es um Schuld und Schulden. Graeber resümiert darin auch: „Schulden sind im Kern ein moralisches Prinzip und eine moralische Waffe – vielleicht, nach der Travestie von Menschenrechtspolitik, die letzte, die unhinterfragt zu existieren scheint.“ Schulden sind aber auch ein Versprechen, sowohl der Schuldnerin oder des Schuldners an die Gläubigerin bzw. den Gläubiger, wie auch an das System. Wer einen Kredit vergeben kann, ist in einer moralischen Spitzenposition. Egal, ob die Rückzahlung der Schulden die soziale Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander drückt. Ist doch klar, dass der gesellschaftliche Unmut angefacht wird, wenn es nur mit extremen persönlichen Einschränkungen und ausreichend Demutsbekundungen möglich ist, sich zum Beispiel mittels einer Privatinsolvenz von seinen Schulden zu befreien, aber auf der anderen Seite Banken mit ihren irrealen Schulden einfach als systemrelevant bezeichnet und mit staatliche Geldern gerettet werden. Das etwa ein Unternehmen systemrelevant ist, wird auch mit dem englischen Ausdruck too big to fail beschrieben … zu groß, um zu scheitern. Wenn es aber zu groß ist, um zu scheitern, dann ist es doch vor allem eines: zu groß. Sollten wir nicht zusehen, dass deutlich weniger Menschen irgendwo in einer Schuld stehen? Wie kann eine Gesellschaft sozial gesund sein, wenn ihr so viel Schuld auferlegt ist?

Einen weiteren wichtigen Begriff hatte ich mir noch aufgespart: Freiheit. Es gibt diesen in diversen Ausprägungen. Besonders wichtig erscheint mir die Bewegungsfreiheit. Warum leben wir nicht in einer Welt, in der jeder Mensch auf diesem Planeten in jede beliebige Region gehen kann? Nicht weil die uns ja die Kaufhäuser und Supermärkte leerkaufen würden. Nein, die würden uns unsere Arbeit und unseren Wohlstand wegnehmen. Laut der Soziologin Annette Treibel lebten „am Ende des 20. Jahrhunderts nach Schätzungen weltweit über 100 Millionen Menschen nicht dort, wo sie geboren sind.“ Das sind keine zwei Prozent der Menschheit. Woran mag das liegen, dass es kaum zwei Prozent der Menschen auf diesem Planeten sind, die es in eine Gegend gezogen hat, in der es sich besser als in ihrer Heimat leben lässt? Mir fallen dafür zwei Erklärungen ein: Zum einen können einige nicht dorthin gehen, wohin sie gerne gehen würden, und zum anderen wollen sie gar nicht woanders hingehen. Denn meiner Ansicht nach ist es durchaus eine große Hürde, einen Kulturkreis, eine Heimat zu verlassen. Nichtsdestotrotz: Wenn jemand das gerne tun mag, sollte diese Person dies auch tun können? Erst recht, wenn sie für sich das Gefühl hat, dies tun zu müssen.

Eine gesetzlich und gesellschaftlich etablierte Bewegungsfreiheit aller Menschen, ist zudem auch eine Grundvoraussetzung für so etwas wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Würde etwa Deutschland, die Eurozone oder die EU ein solches Bedingungsloses Grundeinkommen einführen, dann bestünde die Gefahr, dass die Ausbeutung so genannter illegaler Einwanderer und Einwanderinnen als ökonomisch abhängige Arbeitskräfte massiv zunehmen würde. Dem ließe sich nur dadurch vorbeugen, dass niemand mehr irgendwo illegal leben könnte, weil mensch das Kredo „Kein Mensch ist illegal … nirgendwo“ zur Realität gemacht hat. Das ist mit der Prämisse, eine auf wirtschaftliche Konkurrenz optimierte Gesellschaftsordnung aufrecht erhalten zu wollen, natürlich nicht möglich. Zunächst muss die Diskrepanz zwischen Arm und Reich stark reduziert werden … global. Das bedeutet nicht nur, finanzielle Umverteilung und allen Menschen ein menschenwürdiges Auskommen zu garantieren, sondern auch ein Umdenken darin, was als Arm und was als Reich bewertet wird. Hier kann es unmöglich weiterhin darum gehen, dass Menschen mit übermässig viel Kapital per se als reich gelten. Ist die Unterteilung in Arme und Reiche, anhand ökonomischen Kriterien, nicht genau so eindimensional gedacht, wie die Unterteilung der Menschen in Schwarze, Gelbe, Rote und Weiße … also fast schon rassistisch?

Ferner frage ich mich, wie es ethisch auch nur ansatzweise vertretbar ist, was Unternehmen wie Monsanto so treiben? Dieser Konzern produziert nicht nur einfach Saatgut und Unkrautbekämpfungsmittel, sondern sorgt als Quasi-Monopolist nicht nur in vielen Entwicklungsländern für unglaublich menschenunwürdige Zustände. So ist es bspw. Landwirten vertraglich untersagt, bei Ernte- oder Ertragsausfällen gegen Monsanto zu klagen. Die verbieten doch tatsächlich Menschen, die sie zuvor in eine Abhängigkeit getrieben haben, gegen sie zu klagen! Schaut mensch mal in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, dann „hat [jede und jeder] Anspruch auf einen wirksamen Rechtsbehelf bei den zuständigen innerstaatlichen Gerichten gegen Handlungen, durch die seine ihm nach der Verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.“ Jeder Mensch muss also zumindest klagen dürfen; ob er oder sie schlussendlich recht bekommt, muss dann das Gericht entscheiden. Gibt es wirklich Länder, in denen ein solches Vertragswerk nicht sittenwidrig, und damit nichtig ist? Aber scheinbar haben solche Unternehmen und ihre Lobbyverbände, einige Länder ganz gut im Griff. Auf eine durchaus als pervers zu bezeichnende Art und Weise, wie das Beispiel Neuseeland zeigt. Dort wurde nämlich auf Betreiben von Lobbyverbänden, hinter denen u.a. Monsanto steht, ein Gesetz verabschiedet, das u.a. den Anbau eigener Nahrungsmittel genehmigungspflichtig macht! Und … der Begriff Nahrungsmittel wurde dabei auch auf die Vorprodukte (wie Saatgut) und Getränke (auch Wasser!) ausgedehnt, und somit der Kontrolle unterworfen.

Letzte Frage: In was für einer Welt leben wir eigentlich?

6 thoughts on “Unser aller Welt – Beobachtungen, Schluss-Folgerungen und … vor allem: Fragen

  1. Die Abschlussfrage ist gut und zwischendurch kommt (unter vielem richtigen) auch mal ein Hinweis, woran es hapert.

    Mit Monsanto hab ich mich nicht beschäftigt, aber ehrlich gesagt: wenn ich Dir Samen verkaufe, würd ich auch ungern dafür verklagt werden, wenn es nicht regnet oder du damit Mist baust. Und dann gibt es ja noch sittenwidrige Vertragsklauseln.

    So generell wäre mein Ansatz ein anderer, als der, dort und dorthin zu zeigen und zu sagen: dort läuft was schief.
    Was ich mache, ist:

    Ich suche mir was KLEINES aus.
    Und dann guck ich, wie ich das optimiert kriege.
    Und meist gelingt es.

    Und jetzt:
    Gebe ich mich der Illusion hin, dass wenn jede/r pro Jahr EIN ODER ZWEI solche Aktionen fahren würde (und das ist kaum von Zeit oder Geld, Behinderung oder Können abhängig, sondern nur vom WILLEN.), dass wir dann in einem, 5 oder 10 Jahren etwas hätten, dass wir als ‚bessere Welt‘ auffassen würden.

    Was ‚besser‘ ist oder eben ‚Verbesserung‘, das ist sicher subjektiv oder politisch weltanschaulich „gerahmt“. Aber ‚bestimmen‘ würde dann nicht eine (passive?) Mehrheit sondern eine AKTIVE Mensch-heit.

    Man wird ja träumen dürfen.
    (Ich hab immer gewitzelt: „und mit 50 gründe ich eine neue Religion“, wenn dann wäre das die obige. (Religion heisst nämlich (glaub ich?) nur ‚Bekenntnis‘, als das sich Verbinden mit einer ‚Wahrheit‘ oder einem ‚Ziel‘.)

    • Hehe, so kenne ich dich: Gleich wieder eine Vorgehensweise in petto haben, wie sich an der Situation was verbessern lässt 😉

      Ich bin auch der Meinung, dass sich da immer ganz gut bei sich selbst anfangen lässt. Aber darum ging es mir in diesem Text gar nicht mal … vielleicht als persönliche Konsequenz für den Einen oder die Andere. Mir ging es darum, einfach mal ein paar Sachen aufzuschreiben, die mir so durch den Kopf gingen.

      Zu Monsanto … 1.) Beschäftige dich mal mit denen … meiner Ansicht nach ist das ein ganz übler Verein, und 2.) natürlich ist das in Deutschland nicht möglich mit einem solchen Vertragswerk ankommen zu wollen (denke aber mal, dass das nicht überall so ist), aber allein, dass die die Chuzpe haben, sowas überhaupt in einen Vertrag reinzuschreiben, finde ich unfassbar.

  2. Aha, Religion heißt offenbar ‚(Rück)Bindung (an Gott)“, da er aber auch für’gottlose‘ Religionen gilt, wie den Buddhismus, gefällt mir der ausdruck ‚Rückbindiung‘ gar nicht so schlecht, implizierter doch einen ‚Regelkreis‘.

  3. Christian S. says:

    Auf diesen paar Seiten hast du schön „Alles“tm zusammengefasst.

    Beim lesen anderer Posts von dir wollte ich dich auf
    http://cyborgsociety.org/w/
    aufmerksam machen.

    Die Lösung unserer Probleme ist wohl das Bewußtsein zu erhöhen, an uns selbst zu arbeiten, Veränderungen zu ermöglichen.

    Zum letzten Punkt lege ich große Hoffnungen in „das“ BGE und das scheint immer mehr in greifbare Nähe zu rücken.

    Das Internet beschleunigt den Wandel. Die Freiheit des Internet ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Faktoren. Aber auch wenn das Internet fällt wird sich ein neues Netzwerk etablieren (Darknet) – ob wir dann den großen Wandel zu mehr Kooperation noch erleben werden werden ist fraglich.

    • Danke für deinen Kommentar … und den Link. Ich kenne die Antifaschistische Stadtkommune (ASK). Zumindest zwei Leute, die dort leben. Die ASK gehört wie unsere Kommune auch zum Netzwerk der politischen Kommunen (Kommuja). Die Welt ist ein Dorf 😉

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