Ertragbare Utopie gesucht – biete umfangreiche Erfahrungen im Scheitern

Nicht nur der Plan für den Januar, sondern sogar der für die kommenden Monate, wenn nicht gar Jahre oder Jahrzehnte, hatte sich schon nach gut einem Tag in der Kommune Niederkaufungen wieder erledigt. Unsere Probezeitanträge dort sind zurückgezogen und wir wieder in der KoWa. Was ist passiert?

Natali ist schon mit einem eher schlechten Gefühl nach Niederkaufungen gereist, und nachdem es schnell immer schlechter wurde, hatten wir zu reden. Was wir dann auch ausgiebig taten. Das Ergebnis, dieser Gespräche ist, dass Natali nicht in der Kommune Niederkaufungen leben möchte … und ich ohne sie auch nicht.

Kurz zusammengefasst, befürchtet Natali, sich in dieser, mit über 80 Menschen recht großen Kommune, im Alltag nicht genügend gegen die vielen Eindrücke und Allgegenwärtigkeiten abgrenzen zu können. Diese Gruppengröße überfordert sie im tägliche Dasein.

Da sie also nicht in dieser einen, und ich nicht in der anderen Kommune leben möchte, muss nun ein neuer Plan her. Die erste Idee: Es gibt ja mehr als nur zwei Kommunen auf der Welt, vielleicht gibt es da ja noch eine, auf die wir uns beide einigen können? Hier steckt der Teufel im Detail, und das war in der Diskussion nur allzu oft der geografische Ort, an dem die in Frage kommenden Gemeinschaften liegen. Natali zieht es eher in den Süden Deutschlands, mich eher in den Norden. Also stellten wir uns die Frage, an welchem Ort bzw. in welcher Region würden wir denn beide leben wollen?

Für die, die uns etwas kennen, ist die Antwort wahrscheinlich gar nicht so überraschend: Es ist der Raum Gießen/Marburg. Dort haben wir beide uns kennengelernt, dort haben wir studiert und viele Freunde/Bekannt; ich sogar Verwandte. Im Bezug auf diese Region haben wir ein souveränes Gefühl, welches in Richtung „Zuhause“ geht.

Doch gibt es dort keine uns bekannte Kommune. Es gibt Gemeinschaften, die aber (oft?) einen spirituellen Hintergrund haben, und damit für uns beide überhaupt keine Thema sind. Was also nicht ist, muss werden. Darum werden wir nun schauen, ob wir nicht im Raum Gießen/Marburg ein eigenes Projekt starten können. Dazu planen wir, mit Freunden wieder in die Region zu ziehen und dann mal schauen, was sich da so auf die Beine stellen lässt. Nach dem aktuellen Diskussionsstand, wird es wahrscheinlich keine Kommune, wie die KoWa oder Niederkaufungen, doch sollte das neue Projekt schon eine gemeinschaftlichen Ansatz haben. Ich will es auch weiterhin nicht wahrhaben, dass es ein so erstrebenswertes Ziel ist, sich immer mehr zu Individualisieren und zu Privatisieren, sich dem Konsum- und Konkurrenzdenken unreflektiert zu ergeben und ein nachhaltiges Dasein immerzu einzufordern, es aber selbst nicht zu leben.

Auf der anderen Seite, scheine ich meinen eigenen Ansprüchen nicht in der Form genügen zu können, dass ich in Gemeinschaftsstrukturen leben kann, welche die privaten Hoheitsgebiete, im Kern auf ein Zimmer reduzieren. Zum etwas gemeinsam Nutzen, gehört eine gemeinsame Ordnung, welche im Alltag über ein „Das Chaos organisiert sich von selbst“ hinausgeht. Wenn mensch zum x-ten Mal mehrfach durch ein wirklich großes Haus gelaufen ist, weil man einen Hammer sucht, neigt mensch dazu, sich einen eigenen … privaten … Hammer zu kaufen. Und schon hat es sich mit der Nachhaltigkeit, der Konsumkritik und dem „Nutzen statt Besitzen“.

Wie mir aber im vergangenen Jahr ein Gemeinschaftsforscher glaubhaft versicherte, ist der Mensch in größeren Zusammenhängen nur schwerlich in der Lage, eine für alle Beteiligten annehmbare und nicht auf Hierarchien beruhende Ordnungsstruktur zu leben. Womit der Punkt, dass es sich in einer Kommune nachhaltiger leben lässt, etwas ins Wanken gerät. Aber nur etwas. Untersuchungen, die in der Kommune Niederkaufungen durchgeführt wurden, zeigen, dass der Ökologischer Fußabdruck der dort lebenden Menschen im Bundesvergleich unterdurchschnittlich ist. In Gemeinschaft leben ist also nachhaltiger, wenn auch nicht so nachhaltig, wie es sein könnte.

Doch was will ich … was wollen wir nun? Ich will nicht nur für mich als Individuum bzw. als Paar gut leben, sondern ich will auf eine Weise gut leben, die es ermöglicht, die Ressourcen unserer Welt, aber auch meine Nerven zu schonen. Ich will eine ertragbare Utopie.

Der nächste Versuch wird somit in die Richtung gehen, gemeinsam mit bis zu einem Dutzend Menschen ein Hausprojekt zu starten, und dabei einen Spagat hinzubekommen, zwischen, nachhaltiger als der Durchschnitt leben und doch ein gewisses Maß an Eigenmächtigkeit jenseits eines allgegenwärtigen Konsens zu bewahren.

Für mich sind das alles recht neue Überlegungen. In den vergangenen Jahren habe ich mich doch sehr viel mit dem Gemeinschaftskonzept der Kommunen beschäftigt. Das jetzt so zu sehen, hat für mich auch etwas den Beigeschmack eines persönlichen Scheiterns. Was natürlich nicht stimmt. Ich habe Erfahrungen gesammelt und dabei u.a. festgestellt, dass ich gewisse Dinge, die mit dem Kommuneleben einhergehen, nicht so gut aushalten kann, wie es andere tun. Doch heute weiß ich das. Hätte ich es nicht gewagt, in die KoWa zu ziehen, wüsste ich das nicht, und würde diesem Ideal wohl immer noch hinterherhängen. Das wäre schlimmer, als diese vermeintliche Scheitern.

11 thoughts on “Ertragbare Utopie gesucht – biete umfangreiche Erfahrungen im Scheitern

  1. Die Schmerzen die du hier beschreibst machen mich traurig, lieber Matthias. Dass ich euren Mut bewundere diesen Schritt gegangen zu sein weißt du. Ich beobachte mit starkem Interesse welche Rolle eure Beziehung zueinander bei euren (auch individuellen) Entscheidungen hat. Das war für mich ja immer eine große Frage. Ich wünsche mir für euch einen guten Übergang in die neue Lebenssituation.

  2. Damit hast Du schon deutlich mehr Plan als die meisten von uns; sowohl der Wohnort als auch die Art des Zusammenlebens haben sich bei mir zum Beispiel „alternativlos“ ergeben. Ich habe mich damit arrangiert, wünsche mir auch nicht konkret etwas anderes, aber planvolles Vorgehen sieht anders aus.

    Deine Chancen, das zu finden, was Du wirklich tun willst, sind also überdurchschnittlich hoch.

  3. Die Familie ist wohl die Mutter aller Gemeinschaften – die viele Menschen nicht mehr haben (aber gerne hätten). Wie wäre es also mit einem Mehrgenerationenprojekt? Habe mich jetzt die letzten Wochen rein zufällig damit beschäftigt, und das sieht für mich nach einem Konzept mit Potential aus.

  4. Anne Catherine says:

    Es wurde bereits alles gesagt. Nur eines noch: Das Scheitern an sich ist momentan gesellschaftlich durchaus be- und geachtet. Du scheiterst also genau zur richtigen Zeit. Und das alleine ist auch eine Kunst.

    Alles Liebe!

  5. Liebe Judith,
    über das Thema „Kommune als Familienersatz“ habe ich auch schon viel nachgedacht. Danach hatte ich aber nicht gesucht, als ich mich auf den Weg in die Kommunewelt machte. Ich weiß inzwischen, dass es bei vielen anders ist und ich wohl einen eher unüblichen Blick auf diesen Aspekt des Kommunelebens habe. Inzwischen weiß ich, dass ich mich auch darauf einlassen müsste, dass die Menschen mit denen ich in einer Gemeinschaft lebe, auch so etwas wie eine Familie sind.

    Der Begriff „Mehrgenerationenprojekt“ hat bei mir immer so einen seltsamen Widerhall. Wahrscheinlich das Wort „Mehrgenerationen“ dabei irgendwie einen besonderen Fokus setzt, der mir nicht in dem Maße wichtig ist, wie er bei mir ankommt. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich auch mit Menschen aus anderen Generationen zusammenleben würde. Das ist für mich nicht das ausschlaggebende Kriterium.

    Aber du hast recht, grundsätzlich ist es ein Konzept mit Potential, und vor allem auch besser, als immer weiter in die Individualisierung hinein zu schlittern.

  6. Liebe Anne Catherine,
    was an diesem Scheitern auch ärgerlich ist, ist, dass wir es irgendwie nicht hinbekommen haben, dass du uns hier mal besuchst. Naja, dann eben im nächsten Projekt 😉 Oder dann eben doch mal wieder in Stuttgart…

  7. Odobenus says:

    Ich habe den Eindruck, dass der Fokus der Kommuneprojekte auf der Arbeit liegt. Wieso eigentlich? Wieso emanzipiert man sich nicht radikaler von der kollektiven ins wahnhafte übersteigerte Konzentration des Lebens auf die Arbeit? Muss der Gesellschaft seitens der Kommunarden bewiesen werden, dass sie alles mindestens genauso gut können wie sie selbst? Wieso wird der Gott des dt. Kapitalismus, die Arbeit, nicht als Zwangsvorstellung beerdigt?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.