Warum ich in eine Kommune ziehen werde

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Nichts im Leben ist sicher. So auch nicht, ob wir nun wirklich unseren derzeitigen Wunschlebensentwurf dauerhaft leben werden. Doch steuern wir derzeit mit riesigen Schritten auf ihn zu. Der Plan ist gefasst und so gut wie derzeit möglich terminiert. Wahrscheinlich werden wir ab April nach Waltershausen ziehen und in der dortigen Kommune eine Probezeit beginnen.

In den letzten Monaten, in denen dieser Plan reifte und von uns gestaltet wurde, habe ich mit vielen Menschen über das Leben in einer Kommune sprechen dürfen. Diese Gespräche waren meistens relativ lange und intensiv. Denn dieser Lebensentwurf scheint es irgendwie in sich zu haben. Klar, denn er scheint auch erst einmal nicht viel mit der üblichen Vita eines Erwachsenen im noch frischen 21. Jahrhundert zu tun zu haben.

Interessanterweise habe ich immer wieder das Gefühl, bei diesen Gesprächen Einiges über mein Gegenüber zu erfahren. Die Gespräche drehen sich immer wieder um ziemlich konkrete Punkte, in denen ich oftmals bestimmte Grundängste des jeweiligen Menschen zu erkennen meine. Sehr oft dreht sich so ein Gespräch um das Thema Geld und Vermögen. Aber auch Befürchtungen in Richtung einer sektenähnlichen Abhängigkeit, werden relativ häufig benannt. Auch kommen Zweifel auf, ob eine solches Projekt ohne Hierarchien überhaupt funktionieren kann. Ohne sie alle aufführen zu wollen, kann ich sagen, dass es noch weitere, immer wiederkehrende Schwerpunkte in den jeweiligen Gesprächen gab. Und ich bin sehr dankbar, dass ich darüber diskutieren durfte. Denn ich habe dabei sehr viele Denkanstöße bekommen. Diese haben mich nur all zu oft eine Zeit lang begleitet und mir geholfen, die Entscheidung pro Kommune mit dem guten Gefühl zu treffen, denn so habe ich sehr viele, sehr unterschiedliche Aspekte be- bzw. durchdenken können.

Doch Einiges wird sich auch durch noch so viele weitere Gespräche, grüblerische Stunden und Kommunen-Besuche nicht klären lassen. Und darum soll dieses Theoretisieren und Gast sein, nun ein Ende haben. Ich, und Natali denkt da absolut gleich, muss es nun erleben. Es kann scheitern. Ich versuche mich auch auf ein Scheitern vorzubereiten. Ich versuche mir durchaus bewusst darüber zu sein, was ich riskiere. Das heißt, was ich an Bestehendem aufgebe und welche Risiken es hat, einen solchen Schritt zu wagen.

Ich versuche mir darüber klar zu werden, welche meiner Charaktereigenschaften ein Leben in einer solch verbindlichen Gemeinschaft erschweren werden. Für mich und für die anderen Menschen dort. Ist es wirklich kein Problem für mich, dass ich kein eigenes Vermögen haben werde, sondern stattdessen ein gemeinschaftliches? Aktuell beantworte ich mir diese Frage, aus ganzem Herzen und mit soviel Verstand wie möglich, mit einem klaren Ja. Sowie ich für mich auch ein deutliches Plus an Lebenschancen sehe. So möchte zum Beispiel ich mehr Zeit haben können, mich gesellschaftspolitisch zu engagieren und zu wirken.

Aber nicht nur Zeit, sondern auch Raum, ist für mich ein gutes Argument pro Kommune. Zwar werde ich persönlich nur ein eigenes Zimmer haben, dass im Prinzip einem WG-Zimmer gleich kommt, aber drumherum gibt es so viel Raum, um damit zu leben, zu wirken, zu arbeiten und ihn zu genießen. Es wird jedoch gemeinschaftlich genutzter Raum sein. Ich werde, nicht nur diesbezüglich, gemeinschaftlich beschlossene Regeln und Absprachen einhalten müssen bzw. diese zunächst erst einmal herbeiführen müssen. Auf Grund dieser Regeln und Absprachen, werden viele alltägliche Dinge und Abläufe ähnlich schnell und unkompliziert zu bewerkstelligen sein, wie wenn ich nicht in einer Kommune leben würde. Doch einiges wird vorher zu besprechen sein. Aber machen wir uns doch mal nichts vor, so frei in unseren Entscheidungen, wie wir immer denken, sind wir doch längst nicht. Und die Entscheidungen in einer Kommune sind zudem auch Konsens-Entscheidungen. Es wird nur zu oft mühselig sein, einen Konsens zu finden. Doch dann ist es eine belastbare und für alle tragbare Entscheidung, die deutlich größere Chancen hat, im Alltag nicht hinderlich zu sein oder unter zugehen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht an Gott oder ähnliches glaube. Daraus kann ich also auch beim besten Willen keinen Sinn für das Leben ableiten. Vielleicht bin ich deshalb auch so sehr auf diese Schiene des weltverbesserischen Ökos geraten. Einer Rolle, in der ich mich wohl fühle. Doch mit diesem Rollenanspruch kann man auch durchaus auf die LOHAS-Spur geraten. Dazu bin ich aber einfach zu konsumkritisch bzw. habe eigentlich den Anspruch dies zu deutlich zu sein. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Nachhaltigkeit das Wachstum als globalen Leitgrundsatz ablösen muss. Und Nachhaltigkeit kann ich in einer Kommune besser leben, als in einer klassischen, stark durch Erwerbsarbeit geprägten Zweier- bzw. Familien-Konstellation.

Ich habe mir auch schon die Frage gestellt, ob ich einen alternativen Lebensstil nicht nur leben, sondern auch vorleben möchte. Das kann man schon so sehen. Doch bei genauerem Hinsehen, wird hoffentlich klar, dass ich nicht den Kommune-Lebensstil vorleben bzw. predigen möchte. Doch ich möchte deutlich aufzeigen, dass es immer auch anders geht; dass es Alternativen zum Mainstream gibt. Wie ich schon angedeutet habe, bin ich dabei auch der Meinung, dass wir nicht daran vorbei kommen, unsere globale Gesellschaft umzubauen. Doch diese Aufgabe ist in sich so komplex, dass es wohl nur ganz vereinzelt Menschen bewerkstelligen können, in einem ausreichenden Großen und Ganzen zu denken. Aber in aller Regel leben wir im Kleinen und Individuellen. Und da möchte ich gerne dazu anregen, dass sich jede und jeder darüber im Klaren ist, dass es auch immer „Anders“ geht. Stichworte sind hier zum Beispiel das Mietshäuser Syndikat, Attac, Green Car, Bioenergiedorf oder wie schon erwähnt, der LOHAS. Mein persönliches Stichwort ist nun, um in der Metapher zu bleiben, Kommune. Und ich bin froh, dass die Frau, mit der ich auf Grund von Liebe, möglichst intensiv zusammenleben möchte, dies gemeinsam mit mir, auch zu ihrem Stichwort gemacht hat.

Auch froh bin ich, dass mein bisheriger Arbeitgeber die ganze Sache unterstützt. Das macht es mir zum einen einfacher, die ganze Sache jetzt in einer offenen und ehrlichen Art und Weise anzugehen. Zum anderen möchte ich mich in der Kommune gerne als selbstständiger Web-Schaffender betätigen und habe somit schon einen ersten potenziellen Auftraggeber an der Angel. Sehr schön ist zudem, dass dort in der Kommune Waltershausen schon ein weiterer Web-Worker lebt und es somit die konkrete Aussicht auf ein von mir schon lange erträumtes Web-Kollektiv gibt.

Doch gehört es zum Glück zum Kommuneleben zwingend dazu, dass man nicht nur seiner Erwerbsarbeit nachgeht, sondern auch so genannte reproduktive Arbeit (Küche, Kinderbetreuung, Feuerholz, etc.) leistet und auch in anderen Arbeits- oder Tätigkeitsbereichen aushilft, wie etwa der Kneipe oder im Garten. Aus meiner jetzigen Sicht, ist das für mich viel weniger ein Muss, als Chance auf Ausgleich. Ein Ausgleich, der es mir sicherlich auch einfacher machen dürfte, meine Erwerbstätigkeit dauerhaft zu mögen und zu schätzen; darin nicht auszubrennen.

Und nun: Drück‘ uns die Daumen … wenn du möchtest.

17 Gedanken zu „Warum ich in eine Kommune ziehen werde“

  1. Du kannst dir sicher sein, dass ich euch die Daumen drücke. Ich möchte das Ganze auch nicht groß kommentieren, wünsche dir aber von Herzen alles Gute und Liebe für diesen (euren) großen Schritt. Wahrscheinlich sehnen sich viele nach dieser Art Gemeinsamkeit, haben aber Angst davor – verständlicherweise. Ich denke, dass du diese Art Gemeinschaft bekommst, die uns (Deutschen?) leider! abhanden gekommen ist.

  2. Ich wünsche euch beiden für euren Umzug und das folgende Kommunenleben alles Gute. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr in euren Blogs auch weiterhin an den Erfahrungen damit teilhaben lasst. Vorleben erwünscht quasi.

  3. Ich drücke schon einmal krätig die Daumen und wünsche Euch vor aallem, dass ihr findet, wonach ihr sucht. Natürlich bin ich auch ein klein wenig neugierig, wie sich dieses Projekt entwickeln wird.

    Mit etwas Glück kommt ihr beide Eurem ureigenen Lebensentwurf ein gutes Stück näher. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Und ansonsten gilt: Man liest sich und sieht sich vielleicht ja auch mal wieder irgendwo irgendwann und irgendwie .. 😉

    Disclaimer: Das klingt da oben jetzt beinahe nach Verabschiedung. Das soll es latürnich gar nicht sein.

  4. Ich will mich den anderen erst einfach mal anschließen: ganz dicke die Daumen drücken, drauf hoffen, dass du vorleben und berichten wirst, Glück wünschen und gespannt wie ein Fuchs sein, wie sich das entwickelt.

    Du glaubs garnicht, wie gespannt ich jeden einzelnen deiner Blogposts zu dem Thema ich in den letzen Monaten aufnehme. Und jedesmal wieder zu meinem alten Traum zurückkehre. Vielleicht bin ich und mein Umfeld ja auch in ein paar Jahren bereit.

    Ich freue mich für euch!

  5. anders und unkonventionell sein find ich immer gut.

    Ich drück Euch beide Daumen, dass Ihr dort das findet, was Ihr Euch erhofft und noch vieles mehr. Werde mit grosser Neugier die Blogeinträge darüber lesen..wenn ich darf 🙂

  6. du hattest ja bei unserem treffen in stuttgart schon über euren plan berichtet, was ich sehr interessant fand. für mich wäre es zwar nichts aber ich wünsche euch trotzdem alles gute und drücke die daumen für euer vorhaben.

  7. Auch ich drücke euch die Daumen.
    Ich bin vor Jahren in einer bestimmten Situation ein Risiko eingegangen. Bin von Berlin nach Bayern gezogen obwohl ich dort niemanden kannte. Das Einzigste was ich hatte war ein Arbeitsplatz (was natürlich eine Voraussetzung war) und Kinder und Freunde die mir halfen, oft mehr mental. Auch wenn ich dieses Jahr zurück nach Berlin bin. Ich habe die 8 Jahre in Bayern nie bereut. Viel neue Erfahrungen, neue Menschen, neue gute Bekannte und Freunde gefunden.
    Hätte ich diesen Schritt nicht gewagt – jeden Morgen hätte ich mich gefragt Was wäre gewesen wenn …
    Ich erlaube mir dennoch eine kleine Kritik: „Ich versuche mich auch auf ein Scheitern vorzubereiten.“ Das finde ich nicht richtig. Denke dann darüber nach, wenn die Zeit dafür reif ist (wenn dieser Zeitpunkt mal kommen sollte).
    Ich finde es einen sehr mutigen Schritt von euch, es wird nicht der Letzte sein. Ich wünsche euch Glück und Kraft und gang ganz viel Vertrauen zu einander.

  8. Schon mal vielen Dank für Daumen drücken und die netten Worte. Ich werde in jedem Fall weiterhin berichten. Wir sind ja noch nicht da und es wird bestimmt noch einiges zu berichten geben.

    Und wenn wir dann in der Kommune leben, werde ich den Anderen vorschlagen einen Kommune-Blog einzurichten. Im Optimalfall mit noch anderen Autorinnen und Autoren als mir.

  9. Ich freu mich sehr, dass ihr euch dazu entschlossen habt den Schritt Richtung Kommune zu gehen.Vor allem nach dem was du mir im Sommer hier in Köln erzählt hast. Ich könnte mir mich zwar immer noch nicht in einer Kommune vorstellen, find’s aber total toll, dass es Menschen wie dich gibt.

    In jedem Fall wünsch ich aber viel Erfolg bei eurem Sprung.

  10. Zellmi! Nein! Nichts wird mehr sein wie zuvor! Ihr werdet Umziehen müssen, in Zimmer, die über keine Eigentemperatur verfügen und von Heizkörpern manuell beheizt werden müssen. Mit Wänden, in die ihr Natalie Nägel schlagen und Bilder daran hängen werdet, einfach so. Ihr werdet dort fast immer schlafen müssen und morgens manchmal verkatert übermüdet aufwachen und dann feststellen, dass die Zahnpasta alle ist und sich rechts neben dem Auge ein weiteres kleine Fältchen gebildet hat und ihr werdet Rücken bekommen – RÜ-CKEN! Ja! Das werdet ihr! Ihr werdet Durchfall bekommen und Hunger und Durst und frieren werdet ihr, oh oh oh und die Rechner werden abkacheln, FF Plugins updaten wollen, Twitter neue Funktionen bringen und DU WIRST Web 2.0 ERKLÄREN MÜSSEN… HARHARHAR… Wir werden alle sterben… All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy. All work and no play makes Zellmi a dull boy…

    Es wird alles ganz schrecklich anders werden.

    Ich kann gar nicht hinschauen. Passt bloß auf euch auf und lasst mich zurück, ich kann jetzt nichts mehr für euch tun. Beten bringt ja auch nix.

  11. Also erstmal ist es natürlich schade für das dann schnöde zurückgelassene Stuttgart…

    Trotzdem bin ich sicher, dass man eine solche Entscheidung über die Gesamtlebensgestaltung, einmal getroffen, unbedingt verfolgen sollte. Ich selbst könnte mir das Leben in einer Kommune für mich wohl nicht vorstellen (vielleicht habe ich aber auch nur noch nicht genug darüber nachgedacht), schließe mich aber all den Daumendrückern an und wünsche Euch, dass sich die Entscheidung als richtig herausstellt.

    … und Du willst ja als Webworker/Blogger/Twitterer nicht aus der Welt fallen. Das beruhigt mich dann doch.

  12. Hi, danke dass ich einer derjenigen sein durfte, der eines der längeren (?) Gespräche mit dir über Kommunenleben geführt hat: Beim spaziergang und Kaffee in berlin vo der re:publica.

    Ich zieg 2010 zwar nicht die „Kommune“, aber zurück ins Dorf meiner Kindheit. Ich behaupte mal wild, dass das (auch was Themen wie Privacy angeht 😉 ) ein ähnlich wilder Schritt ist – und auch einer, der mit Lebensstil zu tun hat. Aber ich hab ein gutes Gefühl: bei deinem und bei meinem Schritt ;). Ich wünsch euch beiden und uns vieren alles Gute 😉

  13. Daumen drücken wird gar nicht mehr notwendig sein. Wenn man so intensiv darüber nachgedacht hat und die Entscheidung dann fällt, dann liegt man damit sicher richtig.

    Ich drücke die Daumen trotzdem. Es schadet ja nicht.

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